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 Cornelia Saxe: Das gesellige Canapé

 16. BGS
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 Das gesellige Canapé
 Karneval
Cornelia Saxe “Das gesellige Canape. Die Renaissance des Berliner Salons”, mit Fotografien von Annett Ahrends, Quadriga Verlag Berlin 1999, Geb. 240 S., ISBN 3-88679-331-1, DM 29,90 (Bestellung amazon.de)

Wir geben unseren Besuchern das Erscheinen dieses Buches von Cornelia Saxe zur Kenntnis, in dem sich die Autorin mit dem Phänomen einer Renaissance der Berliner Salonkultur auseinandersetzt. “Ganz unterschiedliche Formen der Geselligkeit berufen sich wieder auf die große Tradition des jüdischen Salons. Cornelias Saxe stellt die wichtigsten Salonièren von heute vor, nimmt uns mit auf ihre Streifzüge durch die neuen Großstadtgesellschaften und gibt die notwendige Orientierungshilfe für die Welt zwischen Teesalon und Salon in Beton.” Wir geben im Folgenden das einleitende Kapitel wieder.

Entree

Die beiden bekannten Berliner Salonièren Henriette Herz und Rahel Levin-Varnhagen liegen auf einem Friedhof in Berlin-Kreuzberg begraben. Wenn man mit dem Finger über die von Weinlaub überwucherte Grabplatte der Varnhagen fährt, läßt sich ihr Name, den Wind und Wetter beinah ausgewaschen haben, noch mühsam entziffern. Auf den von Verfall und Zerstörung bedrohten Kirchhöfen am Mehringdamm, die einst vor den Toren Berlins lagen und heute vom Stadtverkehr umtost sind, finden sich auch die Gräber einiger Besucher der beiden Salondamen, wie das von E.T.A. Hoffmann, Adelbert von Chamisso und der Familie Mendelssohn Bartholdy.

canapeIn den »Theegesellschaften« und »offenen Häusern« um 18oo gab es Dichterlesungen, Hauskonzerte und Laien-Theatervorstellungen, doch im Mittelpunkt stand das Gespräch. Die künstlerischen Beiträge der Besucher sollten zum Gedankenaustausch anregen und auf diese Weise eine private Öffentlichkeit schaffen, die auch Einfluß auf den gesellschaftlichen Konsens hatte. Witzige Anekdoten, persönliche Erinnerungen und subjektive Anschauungen der Gäste waren in den zumeist wöchentlich stattfindenden Salons mehr als willkommen. »In einen Salon ging man, wenn man Zeit und Lust dazu hatte. Man erwartete kein bestimmtes »Programm«. Der Reiz der Geselligkeit lag gerade in ihrer Spontaneität und in der Zufälligkeit ihrer Zusammensetzung.« schreibt Petra Wilhelmy in ihrem Standardwerk »Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert«. Nicht die kulturelle Darbietung, sondern die Gäste waren der Brennpunkt des Salongeschehens. Ihre Persönlichkeit sollte sich in anregenden Gesprächen und durch die interessanten Verbindungen, die sie mit Unterstützung der Saloni~re knüpften, entfalten können. So entstand für den Salon auch das Synonym der Konversationsgesellschaft. Zehn bis fünfzehn Salons hat es nach Schätzungen von Verena von der Heyden-Rynsch, Autorin des Buches »Europäische Salons - Höhepunkte einer versunkenen weiblichen Kultur«, in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in der Stadt gegeben.

In den neunziger Jahren dieses Jahrhunderts sind die Saloni&en wieder auferstanden, die Salonkultur blüht erneut in Berlin: ob als literarischer, kulinarischer oder akademischer Salon, ob als »Atelier-Salon«, »Damensalon« oder »Salon in Beton«. Die politischen und sozialen Veränderungen gerade des letzten Jahrzehnts haben in der unüberschaubar gewordenen Metropole den Wunsch nach Begegnungen im kleinen Kreis aufkommen lassen. Es besteht das Bedürfnis nach einem Rahmen, in dem man vertraute Menschen wiedersehen und Gleichgesinnte kennenlernen kann. Statt nüchterner Veranstaltungen sind private oder halb-öffentliche Gesprächskreise gefragt, bei denen sich künstlerischer Vortrag, Geselligkeit und Meinungsaustausch ergänzen. Hierfür bietet der Salon, den man als regelmäßigen Empfangsabend für einen literarisch und künstlerisch interessierten Kreis definieren könnte, die passende Begegnungsmöglichkeit.

Daß es den Salon als Geselligkeitsform wieder gibt, ist kein Zufall, denn Berlin scheint eine ähnliche Integrationskraft zu haben, wie im späten 18. und im 19. Jahrhundert, als die überschaubare preußische Hauptstadt 1871 zur Reichshauptstadt aufstieg, sich zur Weltstadt entwikkelte und die Stadtgesellschaft allmählich glanzvoller wurde. Zu dieser Zeit begann sich auch der französische Begriff >Salon<, der zunächst ausschließlich für die Pariser Salons benutzt wurde, gegen Begriffe wie »Theegesellschaft«, »Theetisch«, »offenes Haus« und »Punschrunde« durchzusetzen.

Ganz ähnlich gilt das wiedervereinte Berlin heute wegen seiner bewegten Geschichte als eine der interessantesten Kapitalen Europas. Ein ganzer Troß von Kulturinteressierten, Wissenschaftlern und Künstlern, von Regierungsbeamten, Journalisten, Diplomaten und Interessenverbänden zieht in die Stadt, die gerade Hauptstadt geworden ist und in ihrer Unfertigkeit zur Mitgestaltung einlädt. Deutlich wird der Anspruch formuliert, den Ruf als Weltstadt zurückzuerobern. Evelyn Roll betitelte Ende 1998 einen großen Berlin-Artikel in der Silvester-Ausgabe der »Süddeutschen Zeitung« mit »Nun soll endlich Glanzzeit sein« und schrieb: »Das geht so seit ungefähr einem Jahr: jeden Tag Einladungen zu Partys, Bällen, Abendessen, Empfängen, Premieren, Lesungen, Eröffnungen und Salons. Es organisiert sich tatsächlich so etwas wie neues gesellschaftliches Leben.« Und in Hinblick auf »Berlin und die Salons« bemerkt sie: »Diese Stadt ist süchtig nach den zertrümmerten gesellschaftlichen Formen und ihren Surrogaten. Rahel Varnhagen, Henriette Herz und Dorothea Schlegel, das sind Namen, die hier in Anbetungshaltung ausgesprochen werden.«

Historische und gesellschaftliche Umbrüche begünstigten schon früher das Entstehen von Salons. Karl Varnhagen von Ense behauptete, eine These seiner Frau weiterentwickelnd, daß die Salon-Geselligkeit »ihre schönsten, gefälligsten Blüthen gewöhnlich auf dem Boden zerfallender Staatszustände, also kurz vor Katastrophen« entfalte. Zutreffender für die gegenwärtige Situation und weniger apokalyptisch ist die Bemerkung von Petra Wilhelmy, daß es gesellige Hochphasen in Großstädten auch nach unruhigen Zeiten oder politischen Veränderungen gab, die einen fruchtbaren Boden für Salongründungen bereiteten.

Nicht nur für Neuberlinerinnen und -berliner, die sich vom rüden Umgangston der Stadt selten herzlich empfangen fühlen, sondern auch für die Alteingesessenen, die durch die rasanten Veränderungen der letzten Jahre auf sublime Art entwurzelt sind, gilt es Pfade durch den Asphaltdschungel zu schlagen, um neue Freunde und Verbündete zu finden. »In der Entwicklungskrise einer ´Gesellschaft im Wandel´, wie wir sie durchleben, spielt unter dem Druck des Ungenügens an den bestehenden Zuständen die Salonidee als die Sehnsucht nach etwas Kostbarem, das verloren gegangen, in der kollektiven Erinnerung aber irgendwie lebendig geblieben ist, offenbar die Rolle einer Leitvorstellung, als Modell für etwas Neues, das vielleicht im Entstehen begriffen ist«, formuliert es Nicolaus Sombart, der Grandseigneur des Berliner Salons, 1997 in seinen »Salongedanken«.

Diese »Sehnsucht nach etwas Kostbarem«, die sich nicht nur in der dekorativen Ausgestaltung der Räumlichkeiten, sondern auch in dem Bedürfnis nach Begegnung und Austausch niederschlägt, scheint die facettenreichen Salongründungen zu einen, die sich ansonsten kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Denn so unterschiedlich wie die Salon-Initiatorinnen und -Initiatoren - von der Studentin bis zum Professor, vom Politiker bis zur Künstlerin, von der Hausfrau bis zum Unternehmer -, so unterschiedlich sind auch die Ideen und Inhalte, mit denen der Begriff des Salons heute gefüllt wird. Im Gegensatz zu den Salons des letzten Jahrhunderts bildet zumeist eine Darbietung - eine Lesung, ein Vortrag, ein künstlerischer Auftritt - den Mittelpunkt des Geschehens, nicht aber das private Gespräch und die Begegnung. Deshalb entsprechen die meisten dieser Geselligkeiten eher einer kulturellen Veranstaltung mit dekorativem Ambiente, die mit dem Rückgriff auf die alte Bezeichnung um Publikum wirbt.

Erstaunlicherweise lösen gerade die privat-öffentlichen Treffen, die nicht explizit auf den Begriff des >Salons< Bezug nehmen oder ihn eher ironisch verwenden, am ehesten den alten Begriff von der Konversationsgesellschaft ein, wie »Die literarischen Abende bei Carolin Fischer«, die »Teegesellschaft von Nicolaus Sombart« oder der »ATW - Salon für Angewandte Theaterwissenschaft« des Professors Andrzej Wirth. Dort hingegen, wo der Begriff nachdrücklich proklamiert und noch dazu ein Eintrittsgeld erhoben wird, handelt es sich nur in seltenen Fällen tatsächlich um einen kommunikativen Begegnungsort.

Schon die ersten Berliner Saloni&en wie Henriette Herz und Rahel Levin-Varnhagen bedienten sich in der Anfangszeit absichtlich nicht der Bezeichnung »Salon«. In Begeisterung für die junge deutsche Nationalliteratur sollten auch ihre Gästerunden deutsche Namen tragen, wobei sie sich nicht mit dem Pariser Salon messen wollten und von vornherein eine Art Understatement pflegten. Außerdem strebten die jungen Frauen mit ihren Treffpunkten einen emanzipatorischen Gegenentwurf zu der von Männern dominierten Adelsgesellschaft an, in der man vor allem der französischen Kultur huldigte. Entsprechend verstand Levin-Varnhagen ihren Kreis, zu dem sie Menschen verschiedener Stände und Konfessionen zum Gedankenaustausch einlud, als »Republik des freien Geistes«. Zu ihren Besucherinnen und Besuchern gehörten neben Adligen, wie dem Prinzen Louis-Ferdinand von Preußen und seiner Geliebten Pauline Wiesel, vor allem Künstler christlicher und jüdischer Herkunft, wie Tieck, das Ehepaar von Arnim, Fichte, Kleist und Heinrich Heine. Eine alte wunderliche Magd, die es sich ebenfalls erlaubte, ihre Meinung zu sagen, servierte den chinesischen Tee, der damals noch ein Luxus-Getränk war.

Das Gefühl eines Ungenügens, das sich im Anspruch Levin-Varnhagens artikulierte, eine »provokativ gemischte Geselligkeit« zu initiieren, ist auch bei heutigen Salongründungen oft Ausdruck für den Wunsch nach inszenierten Gegenwelten. »Der Glanz des Wortes ´Salon` rührt von einem Mangel her; er signalisiert eine soziale und kommunikative Leere, die jene spüren, die sich auf die Suche nach dem Salon begeben«, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn. Am interessantesten sind die gegenwärtigen Salons, die aus einem solchen Mangel heraus entstehen und eine Art Gegenöffentlichkeit entwerfen wollen. Dazu zählt zum Beispiel der akademische Salon von Mirjam Schmidt, kurz »Miris Salon«, wo philosophische Beiträge mit querdenkerischen Ansätzen, die jeden Wissenschaftsdiskurs und das einengende akademische Reglement des Universitätsbetriebes sprengen, vorgestellt und diskutiert werden. Im »Salon Oriental« und im »Queer-Salon« wird ein Spiel mit Geschlechtsidentitäten betrieben und auch in den verschiedenen Frauensalons, in denen die Besucherinnen unter sich sein wollen, werden gesellschaftliche Gegenräume eröffnet, wobei sich die Gründerinnen auf die weibliche Tradition des Salons berufen.

Früher waren es ausschließlich Gastgeberinnen, die den Kristallisationspunkt der Konversationsgesellschaften bildeten. Einerseits diente den Salonièren, die sich nicht auf den begrenzten Rahmen frommer Weiblichkeit einengen lassen wollten, ihr »Bureau d'esprit« als Freiraum jenseits der gesellschaftlichen Normen. Wenn es schon in der von Männern beherrschten öffentlichen Welt keinen Platz für sie gab, wollten sie wenigstens ihre Privaträume dazu nutzen, daß die öffentliche Welt zu ihnen kam. Der Salon war eine der wenigen Möglichkeiten für gebildete Frauen, Aufmerksamkeit und intellektuelle Anerkennung zu erlangen. Andererseits fühlten sich Gelehrte, Schriftsteller, Diplomaten und Künstler auch nur von schönen, zumeist wohlhabenden, intelligenten und künstlerisch begabten Salonièren angezogen. Das Gastgebende und das Spielerische, das dem Entwurf des Salons innewohnt, wurde ausschließlich weiblich konnotiert. Männer als Salonbetreiber waren damals nicht denkbar, ihnen wurde es überlassen, mit ihrem Werk im Mittelpunkt des Salongeschehens zu stehen und ihre Lobby-Arbeit voranzutreiben, statt, wie die Gastgeberin, Gespräche und Kontakte zum Nutzen anderer zu knüpfen.

Auch heute noch existiert nach einem traditionellen Rollenverständnis die Vorstellung, daß nur eine Frau die Initiatorin eines Salons sein könne, weil ihr das Empfangen und Bewirten liege und weil nur sie die um ihre Gunst konkurrierenden Besucher auf fruchtbare Weise zusammenführe. Dem gegenüber steht die Tatsache, daß die heutigen Salons nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern oder Interessengruppen gegründet werden. Am Ende des 20. Jahrhunderts, an dem sich die Geschlechter-Stereotypien aufzulösen beginnen, bewähren sich auch Gastgeber als Salon-Wirte, die regelmäßig Gäste einladen, Begegnungen schaffen und Gespräche ermöglichen. In der Fachliteratur zu den alten Salons hat sich für die Salongründerin die Bezeichnung der Salonière durchgesetzt. Da die Spezies des Salongründers relativ jung ist und es dafür noch keinen Ausdruck gibt, wurde als Pendant der Begriff des Salonièrs eingeführt.

Neben dem biographischen Hintergrund und dem Anliegen ihrer Geselligkeit soll es auch um die Salontauglichkeit der Salonièren und Salonièrs gehen. Sind sie, wie man Rahel Levin-Varnhagen früher nannte, ein »Menschenmagnet«, von dem sich die Gäste angezogen fühlen, oder kommen die Besucher nur, weil sie kostenlos bewirtet werden? Beherrschen sie die Künste der Konversation oder unterhalten sie sich ausschließlich mit ihren drei besten Freunden, die immer anwesend sind? Können sie auf Menschen zugehen und Fremde miteinander bekannt machen? Erzeugen sie eine Art seelisches Wohlbehagen, oder fühlt man sich auf der von ihnen inszenierten Geselligkeit eher angespannt, weil man zu sehr das Bemühen spürt, einen exklusiven Abend zu gestalten?

In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens waren die Berliner Salons eine »Jugendbewegung«. Henriette Herz war gerade achtzehn Jahre alt, als sie frisch verheiratet in Konkurrenz zu den naturwissenschaftlichen und philosophischen Hauskreisen ihres Mannes und voller Begeisterung für die junge Literatur des Sturm und Drang den ersten Berliner Salon gründete. Und Rahel Levin war neunzehn, als sie im elterlichen Haus in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt ihren Salon eröffnete, der zum bedeutendsten der romantischen Epoche wurde. Daß sie nicht nur eine Jüdin war, wie Henriette Herz, sondern noch dazu als unverheiratete Frau einer eigenen Geselligkeit vorstand, stellte damals einen doppelten Tabubruch dar.

Auch etwa die Hälfte der heutigen Salongründerinnen und -gründer und die Mehrzahl der Gäste sind wieder relativ jung, was darauf hindeuten könnte, daß dies die erste Generation einer länger anhaltenden Renaissance des Berliner Salons ist. Zwar keine Teenager mehr, liegt ihr Alter zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig. Ob jünger oder älter haben sie, wie die früheren Salonièren, oft eigene künstlerische Ambitionen, sind sehr gut ausgebildet, zumeist unverheiratet und kinderlos. Auch wenn letzteres heute keinen Tabubruch mehr darstellt, verrät es doch vor allem eines: Man braucht nach wie vor Zeit und Muße, um einen Salon zu führen.

Und wie damals sind die meisten der heutigen Saloni& ren Wahlberlinerinnen und -berliner. Sie kommen aus allen Teilen der Bundesrepublik - aus Leipzig (Gisela Kurkhaus-Müller) oder Frankfurt/M. (Mahide Lein), aus Tübingen (Hartmut Fischer) und Lüchow-Dannenberg (Britta Gansebohm), aus Essen (Mirjam Schmidt) oder München (Julia Regehr); aus dem grenznahen Ausland, wie der Schweiz (Anita Meier), Polen (Andrzej Wirth) oder aus Frankreich (Alain Jadot), dem Heimatland des Salons. Die am weitesten gereiste Salonière kommt aus den USA (Tindy Alvarado), ihre Eltern stammen aus Puerto Rico. Möglicherweise gibt es gerade von nicht gebürtigen Berlinerinnen eine größere Neugier auf Gäste und Fremde, denn ein eigener Salon beschleunigt das Heimisch- und »Berliner«-Werden.

Der klassischen Form folgend, ist heute die Mehrzahl der in Berlin existierenden Salons wieder literarisch. Die Bandbreite dieser Salons spiegelt die Vielfalt des literarischen Lebens in der Stadt. In den Salons von Britta Gansebohm und Carolin Fischer stellen Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihr erstes oder zweites Buch vor - die beiden Salonièren präsentieren die junge deutsche Gegenwartsliteratur, die sich zumeist schon in Verlagen etabliert hat. Im »Rubired Velvet - Tindys Literarischer Salon« unterstützt Tindy Alvarado vor allem Literatur von Autorinnen, die in Frauen-Verlagen veröffentlichen und bei ihr vor einem ausschließlich weiblichen Publikum lesen - auch Texte, »die mal so quick, schnell und schlampig entstanden sein können, wie Mac-Donald's-Literatur«. Dagegen ist der Anspruch von Hartmut Fischer, dem Betreiber von »Juliettes Literatursalon«, das an den Rändern Stehende, das heißt avantgardistische Autoren vorzustellen oder alte wieder ausgegrabene Texte von Schauspielern vortragen zu lassen.

Neben den literarischen gibt es auch akademische sowie kulinarische Salons und auch neuere Salonformen, wie den lesbisch/schwulen Salon. Gemeinsam ist den meisten der Saloninitiatorinnen und -initiatoren mit ihren Vorfahren, daß sie sich für künstlerische Talente engagieren. Yvonne Helmbold, die Gastgeberin vom »Grünen Salon«, fördert zum Beispiel den »Neuen Berliner Chanson«, und Julia Regehr von der »Pasta Opera« unterstützt den klassischen Sänger-Nachwuchs.

Die junge Salonkultur, die sich seit einigen Jahren in der Stadt entwickelt, ist ein lebendiges und auch flüchtiges Phänomen, das von ständigen Neugründungen und Niedergängen geprägt ist. Ein Großteil der ersten Salons, die um iggo entstanden, existiert heute nicht mehr, viele sind seit Mitte der neunziger Jahre hinzugekommen. Von den insgesamt gut dreißig Salons, die ich besuchte, haben zwei Drittel - je nach Bekanntheitsgrad und Ausstrahlung - Aufnahme in das Buch gefunden. Verzichtet werden mußte leider auf den »Salon Kunstrasen« von der jungen Schriftstellerin Tanja Dückers, die seit einigen Monaten in Barcelona lebt, um ihren zweiten Roman zu schreiben, und deshalb mit ihrem Salon pausiert. Die russisch-jüdische Malerin Natascha Scheremetjewa-Wiesemann hat ihren »Schöneberger Kunstsalon« für russische und deutsche Gäste Ende letzten Jahres aufgegeben, weil sie in den Taunus gezogen ist. Von dem von Historikern initiierten »Geschichts-Salon« und von der französisch-deutschen »Table ronde« habe ich leider erst kurz vor Fertigstellung des Buches erfahren. Die Premiere des »Salon Kombinat Mitte« der Künstlerin und Bauhistorikerin Michaela van den Driesch wurde als Hoffest in der Oranienburger Strasse begangen, noch ist nicht sicher, ob und wie es weitergeht. Und der Berliner Salon von Doris Schröder-Köpf in der Dahlemer Kanzler-Villa ist, nach Verlautbarungen einer Regierungs-Mitarbeiterin, »noch ganz und gar Zukunftsmusik«.

Der Veranstaltungscharakter, der den neuen Berliner Salon kennzeichnet, führt zu der immer wieder geäußerten Ansicht, daß der Salon längst nicht mehr existiert und daß die Geselligkeiten, die sich heute wieder so nennen, nur billige Imitate sind. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn hat in ihrem Buch über den Briefwechsel von Rahel Levin-Varnhagen geschrieben: »Der Salon erweist sich - genauer betrachtet - als ein Traum, ein Wunschbild, das in die Zeit um die Wende zum ig. Jahrhundert zurückprojiziert wird.« Sie bezweifelt außerdem, daß es das Original des alten Berliner Salons jemals gegeben hat. Ihrer Meinung nach hat die berühmte Salondame Varnhagen nie eine solche Geselligkeit geführt, weil sie diese nicht »Salon«, sondern, genau wie Henriette Herz, eher »Gesellschaft« nannte. Als solche war sie an keinen festen Ort gebunden und konnte sich auch in Gesprächen auf Spaziergängen oder in Briefkorrespondenzen verwirklichen. Auch Varnhagens vielzitierte »Dachstube« habe es laut Hahn niemals gegeben - der Raum und die dort stattfindende Geselligkeit seien nachträgliche Konstruktionen. Beziehen sich die gegenwärtigen SaIons also auf ein Phantom oder sind sie gar selber eins?

Wie flüchtig und vergänglich der neue Berliner Salon auch sein mag, und ob er tatsächlich existiert oder nur die fragile Projektionsfläche für die Wünsche einer im Wandel befindlichen Stadt ist - dieses Buch unternimmt den Versuch, ihn als Phänomen in Momentaufnahmen festzuhalten. Diese zeigen, worüber hier nachgedacht, gesprochen und getratscht wird, wer wen wann wo und warum trifft. Im besten Falle ist es gelungen, ein Bild der Stadt am Ende des 20. Jahrhunderts festzuhalten.